Dieser Artikel erschien am 11.07.2025 im Newsletter des “ZIMT” Magazins.
Es ist fast Mitternacht. Ich liege auf der Couch, der Tag ist vorbei, der Laptop zu. Ich könnte jetzt schlafen. Oder lesen. Oder in die Leere starren. Stattdessen: Instagram.
Da ist Beate, die in Neapel eine Pizza isst. Stefan beim Sonnenaufgangshike mit seinen Kumpels. Irgendein Hund in einer Hängematte. Werbung für Einrichtung, für Handtaschen, für „das eine Produkt, das alles verändert“. Dazwischen wieder ein Reel – diesmal ein Fitness-Coach mit energischem Blick, der mir irgendein Pulver anpreisen will. Dann ein Karussell über Kindheitstrauma. Werbung. Eine Katze. Nachrichten zur Weltlage. Wieder Werbung. Und immer neue Vorschläge, wem ich folgen sollte.
Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen ist. Nur, dass ich mich mit jedem Scroll leerer fühle als zuvor. Social Media ist trügerisch. Es fühlt sich an wie eine Form von Nähe, denn ich sehe, was andere tun, bin dabei, bleibe auf dem Laufenden. Aber etwas in mir weiß: Diese Art von Verbundenheit täuscht. Sie wärmt nicht. Sie spricht mich an, aber erreicht mich nicht.
Was ich da tue, nennt sich Doomscrolling und ist längst ein Begriff in psychologischen Fachkreisen. Laut einer Harvard-Publikation wirkt sich das stundenlange Konsumieren von Social Media negativ auf Schlaf, Konzentration und Stimmung aus. Besonders dann, wenn man es nutzt, um sich abzulenken oder Nähe zu simulieren.
Eine Meta‑Analyse im Auftrag der EU-Kommission zeigt deutlich: Wer Social Media exzessiv nutzt, fühlt sich langfristig einsamer– selbst dann, wenn er oder sie mit vielen anderen interagiert. Die digitale Nähe ersetzt keine echte, sondern verstärkt das Gefühl, allein zu sein. Social Media, so die Studie, vermittelt Verbindung – ohne Bindung.
Manche Forscher:innen sprechen inzwischen sogar von einem „brainrot“-Effekt: Die Dauerberieselung durch die mediale Monotonie macht unser Denken träge, die Aufmerksamkeitsspanne schrumpft, Emotionen stumpfen ab, unser Gehirn verlernt die Fähigkeit zum echten Zuhören. Von der sozialen Isolation sind laut Studie vor allem besonders Mädchen und junge Erwachsene betroffen.
Ich stelle mir immer wieder die Frage: Was tun? Die App löschen? Das wäre konsequent. Aber vielleicht reicht auch erstmal: das Handy konsequent beiseite legen. Notifications ausschalten. Einen echten Menschen anrufen. Oder einfach: das erste Unwohlsein ernst nehmen, bevor der Algorithmus wieder übernimmt.
Ich scrolle weiter. Noch ein Video. Noch ein Tipp, noch eine Welt.
Dann halte ich inne.
Und lege das Handy weg.
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