Wie unsere Sprache den Umgang mit der Krise beeinflussen kann

Expert*innen der pro mente Austria Mitgliedsorganisationen und Partnerorganisationen geben ihre persönlichen Tipps, wie es sich gut durch die Krise kommen lässt. Heute von Roger Staub, Geschäftsleiter pro mente sana, Zürich

Sind Viren Lebewesen? NEIN!!!

Ich glaube fest daran, dass die Sprache “verrät” wie wir denken. Und darum bin ich so hellhörig, wenn ich im Zusammenhang mit Viren – aktuell Corona – Wörter wie “überleben”, “nisten sich ein”, “bedrohen” etc. höre bzw. lese. Wer sich Viren als Lebewesen vorstellt entwickelt möglicherweise übertriebene Ängste und kann die Übertragungsrisiken nicht unbedingt richtig einschätzen. 

Hier ein paar Zitate aus der NZZ vom Samstag, 21. März 2020 zur Illustration, was ich meine:

“Selbst bei einer Luftfeuchtigkeit … gelang es dem Erreger, sich weiterzuverbreiten.” – NEIN! Der Erreger wird weiterverbreitet. Selbst kann er nicht.

“… dass es ein neues Virus es viel leichter habe, auch bei suboptimalen Umgebungsbedingungen zu überleben.” – NEIN! Das Virus lebt nicht, darum kann es auch nicht überleben.

“Selbst wenn das Virus im Frühling und Sommer weniger lang überlebt als im Winter, findet es ausreichend Personen, die es infizieren kann.” – NEIN! Weder “überlebt” es, noch kann es jemanden finden und die Person zu infizieren.

VIREN SIND KEINE LEBEWESEN!

Das Virus kann niemanden von sich aus infizieren. Es ist ein Stück Erbinformation umhüllt von Eiweiss-Strukturen. Es lebt nicht. Es kann weder gehen noch fliegen noch schwimmen. Es kann selbst überhaupt nichts. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch erfolgt durch Tröpfchen in der Luft, die eine angesteckte Person aushustet, ausniesst, ausspuckt und von der (noch) nicht angesteckten Person eingeatmet werden. Um “Tröpfcheninfektionen” zu vermeiden empfehlen uns die Behörden Abstand zu halten.

Der andere, wichtige Übertragungsweg sind “Schmier-Infektionen”. Das kann man sich so vorstellen: Eine angesteckte Person niesst in die eigene Hand. Mit der Hand fasst sie Gegenstände an. Eine nicht infizierte Person fasst die selben Gegenstände an, Viren im Schleim finden sich an der Hand der (noch) nicht angesteckten Hand und können von der Hand in den Mund, ins Gesicht gelangen und so in die Atemwege gelangen. Darum empfehlen die Behörden, sich regelmässig die Hände zu waschen. Ich betone hier: WASCHEN, mit Wasser und Seife. Waschen ist besser als Desinfektionsmittel, weil Waschen die Haut weniger angreift. Desinfektionsmittel sind gut, um Oberflächen, Türfallen, Haltestangen etc. zu desinfizieren. 

(c) Envato Elements

Aber Achtung: die Geschichte einer Übertragung ist noch nicht fertig erzählt: das Virus kann nicht durch intakte Haut “eindringen”, sondern es muss mechanisch oder mittels Flüssigkeit zu Zellen gebracht werden, die eine Andockstelle für das Virus haben. Solche Zellen gibt es in den Atemwegen und in der Lunge. Was passiert dann? Chemische Prozesse sorgen zwischen Virus und Zelle dafür, dass die Erbinformation aus dem Virus in die Erbinformation der infizierten Zelle eingebaut wird. Diese Information des Virus steuert dann die Zelle und veranlasst sie, Tausende neue Corona-Viren zu produzieren und wieder auszuscheiden. Diese grossen Mengen neu produzierter Viren befinden sich dann im Sekret der Atemwege und können ausgehustet oder ausgenossen werden. Und so weiter…

Als Bild eignet sich vielleicht ein Memory-Stick mit einem darauf gespeicherten Programm, der in den USB-Slot des Computers passt (und nur dort) und dann den Computer veranlasst, das gespeicherte Programm auszuführen. An dieser Stelle hört der Vergleich auf, weil es keine Computer gibt, die dann zu Tausenden neue Memorysticks mit dem Programm produzieren und ausspucken. Man stelle sich das einmal vor… Aber vielleicht hilft das Bild doch.

Besonders blöd bei Corona ist, dass infizierte Menschen offenbar bereits viele Viren aushusten oder -niessen können, bevor sie einige Tage später evtl. krank werden. Das kennen wir bereits von der Grippe: Wer das Grippevirus erwischt hat ist einen Tag vor dem Krankwerden bereits ansteckend. Bei Corona scheinen es mehrere Tage zu sein.

Darum: häufig Händewaschen und mindestens 2m Abstand halten. Und bei Symptomen (Anzeichen von Erkrankung) wie trockenem Husten und/oder Fieber sowieso zu Hause bleiben. Und wenn die Erkrankung heftig ist, sich telefonisch beim Arzt melden.

Ich hoffe, diese simplen Erklärungen helfen beim Verständnis. Und ich hoffe, dass möglichst viele sich mal überlegen, wie sie über Viren reden. Korrekte Sprache hilft, besser verstanden zu werden. Und wer das Problem versteht, entwickelt hoffentlich auch weniger unnötige Ängste oder gar Panik.

Roger Staub, MPH, MAE, Geschäftsleiter Stiftung Pro Mente Sana, Zürich
der Text wurde erstmal auf der Plattform
www.inclousiv.ch veröffentlicht

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