Burnout: Wenn der Job krank macht

Nicht nur müde, sondern regelrecht ausgebrannt: So fühlen sich immer mehr Menschen. Schnell ist dann von einem „Burn-out“ die Rede. Doch was genau ist das? Und: Wie kommt man da wieder raus?

Fallbeispiele – Zwei Betroffene erzählen ihre Geschichten.

Florian S., 36, Disponent

Ein Samstag im September 2018, Florian S. lenkt seinen Reisebus durch die Nacht. Eine harte Woche liegt hinter ihm – mit 60 Stunden Arbeit im Büro. Dabei ist Florian S., 36, eigentlich Disponent. Doch weil das Personal in seiner Firma knapp ist, springt er an diesem Wochenende mal wieder als Fahrer ein. Er hält durch, wie immer. Zuhause aber wird ihm schwarz vor Augen – und Florian S. kippt einfach um.

Angekündigt hatte sich dieser Zusammenbruch schon lange: S. ist permanent überfordert. Doch er will das nicht wahrhaben. Nicht einmal nach diesem Vorfall. Es ist seine Frau, die ihm jetzt ein Ultimatum stellt: „Entweder du gehst zum Arzt oder ich lasse mich scheiden!“, sagt sie. Das wirkt: Gleich am Montag geht S. zum Hausarzt. Der schreibt ihn krank – wegen „Burn-out“.

In einer vom Sozialministerium in Auftrag gegebenen Studie haben sich die Altersgruppen der unter 30-jährigen und die 50-58-jährigen als am häufigsten von Burn-out betroffen herausgestellt.

Ausgebrannt sein: Das bedeutet das englische „Burnout“ übersetzt.

Den Zustand, in dem sich S. befindet, beschreibt es gut: So einen „Zusammenbruch aufgrund von Überarbeitung oder Stress“ meinte der Psychologe Herbert Freudenberger, als er den Begriff 1974 erstmals gebrauchte. Heute ist der Burn-out auch Laien geläufig. Und: Viele fühlen sich dem offenbar recht nah. Besonders gefährdet ist die Altersgruppe der unter 30-jährigen, sowie der 50-58-jährigen.

Kürzlich hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Burn-out als eigene Krankheit anerkannt. Künftig wird der verbreitete Belastungszustand als Syndrom aufgrund von „chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird“ definiert. Der Begriff bleibt aber immer noch umstritten. „Burn-out ist letztlich keine Diagnose, sondern ein Risikostadium“, erklärt Prof. Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum der Ludwig-Maximilians- Universität München (LMU). Die Symptome eines Burn-outs seien wissenschaftlich nicht eindeutig fassbar – viel zu verschieden seien die Hintergründe. So stecke bei zwei Drittel der Patienten eine Angststörung oder eine Depression hinter einem „Burn-out“.

Burnout- Selbst mit einfachen Alltagsaufgaben überfordert.

Klar ist aber: „Wie auch immer man es nennt – die Betroffenen leiden“, sagt Falkai. Allerdings habe „auch nicht jeder, der mal überlastet ist, gleich ein Burn-out. Wenn jemand aber ernste Beschwerden hat, solle man ihn auch ernst nehmen.“ Besonders oft klagen Patienten dann über eine „erhöhte Ermüdbarkeit“, sagt der Experte. Sie fühlten sich zudem weniger belastbar, manche würden regelrecht zynisch. Viele seien irgendwann selbst mit einfachen Alltagsaufgaben überfordert. Geschirrspüler ausräumen, E-Mails beantworten, Wäsche waschen: „Was man früher mit einer gewissen Leichtigkeit erledigt hat, funktioniert in diesem Risikostadium plötzlich nicht mehr.“ Dazu kommen oft körperliche Symptome: Kopf- und Rückenschmerzen, Magen- und Darm-Beschwerden. Viele Patienten sind auch anfälliger für Infekte. All das seien Alarmsignale, die Betroffene nicht ignorieren sollten, warnt Falkai.

Erst nach Feierabend bröckelt die Fassade

Sonst geht es ihnen womöglich wie Florian S.: Auch er hatte schon vor dem Zusammenbruch körperliche Beschwerden: Er hatte Rückenprobleme, nachts konnte er kaum schlafen. Dazu  kamen immer wieder heftige Kopfschmerzattacken – und einmal sogar eine manchmal lebensgefährliche Herzmuskelentzündung.

Vielleicht ja, weil er einen Infekt nicht richtig auskuriert hat. Denn S. schleppt sich selbst mit vierzig Grad Fieber noch zur Arbeit. Und einmal auch mit einem gebrochenen Zeh. Im Unternehmen tut S. alles, um die heitere Fassade zu wahren. Niemand soll merken, dass ihm alles zu viel wird. „Ich habe mir einen Mantel übergestreift“, sagt er. Erst nach Feierabend bröckelt diese Fassade. „Zu meiner Frau habe ich oft gesagt, dass ich nicht mehr kann“, erinnert er sich. Doch in der Arbeit funktioniert er einfach weiter.

Eine Frage der Persönlichkeit?

Oft ist das auch eine Frage der Persönlichkeit. Denn da gibt es laut Falkai Typen, die besonders gefährdet sind, ein Burn-out zu entwickeln: „Das sind neurotische, übergenaue und zwanghafte Menschen auf der einen Seite“, sagt der Experte. „Und weiche, freundliche und empathische auf der anderen.“ Erstere ließen sich von der eigenen Perfektion krank machen. Zweiteren falle es schwer, auch mal „Nein“ zu sagen und sich abzugrenzen: Oft arbeiten solche Menschen in Dienstleistungsberufen, etwa im Sozial- und Gesundheitswesen: In diesen Branchen gebe es besonders viele Betroffene, sagt Falkai. Zudem in Berufen mit monotonen Aufgaben, die wenig Raum für selbstständiges Handeln ließen.

Anna M., 42, alleinerziehende Mutter

Burn-out – auch Anna M., 42, alleinerziehende Mutter und Angestellte in der Marketing- Abteilung eines Finanzdienstleisters, traf es. Als sie 2012 nach den Weihnachtsfeiertagen zurück ins Büro kam, hatten sich 300 E-Mails angesammelt. Nicht ungewöhnlich in ihrer Branche. Doch diesmal verschwammen ihr plötzlich die Buchstaben vor den Augen.

M. bekam einen Panikanfall: Ihr Kreislauf machte schlapp, der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Der Hausarzt schrieb M. einige Wochen krank. Doch noch immer hat sie Rückfälle – obwohl sie Psychopharmaka nimmt und zur Psychotherapie geht. „Es ist ein täglicher Kampf“, sagt sie. In den meisten Fällen sei ein Burn-out aber gut behandelbar, sagt Experte Falkai. Längst nicht jeder muss dazu in die Klinik. Oft reiche eine ambulante Psychotherapie. Dabei lernen Betroffene unter anderem, besser auf sich zu achten (siehe sieben Tipps gegen Burnout).

Die Sorge um den Therapieplatz

So wie Florian S. Er sucht nach dem Zusammenbruch sofort nach einem Psychotherapeuten. Doch das ist gar nicht so einfach, stellt er fest. In einem großen Umkreis telefoniert er sämtliche Psychotherapeuten ab. Heute, fast ein halbes Jahr später, hat er immer noch keinen Therapieplatz. Er geht jetzt zu einem privaten Burn-out-Berater – auf eigene Kosten. Ob es ihm damit besser geht? „Es geht mir anders“, sagt S. „Ich sehe die Dinge klarer.“ Und: In einigen Wochen kann er endlich zur Reha. Dann, so hofft er, wird er bald wieder ganz gesund.

Stressige Phasen im Leben kennt jeder. Damit diese nicht in einem Burn-out enden, haben wir einige Tipps für Sie zusammengestellt: sieben Tipps gegen Burnout.

von Anja Reiter

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