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Oh Mann, Depression

Dieser Blogpost wurde zuerst am 25. Mai 2019 auf www.travelingtheborderline.com/oh-manndepression/ veröffentlicht.

Ein Gastbeitrag über Männer und Depressionen. Von Marcel. Darüber, wie sich die Depression für ihn angefühlt hat. Darüber, dass Männer die Krankheit anders erleben als Frauen. Und darüber, dass es dringend an der Zeit ist, über gewisse Klischees hinweg zu kommen.

Vorwort von Dominique de Marné, www.mentalhealthcrowd.de

In den letzten Jahren habe ich verstanden, dass Männer psychische Probleme anders erleben. Sie anders damit umgehen. Sie sich anderen Vorurteilen und Klischees stellen müssen. Dass Fußball in vielen Ländern wohl auch deswegen so wichtig ist, weil vor allem viele Männer hier „Emotionsoutsourcing“ betreiben können: Im Stadion darf geweint, umarmt, gejubelt, getrauert, berührt werden.

Ich habe aber leider auch verstanden, dass es bei Männern noch viel mehr als bei Frauen der gesellschaftliche Druck ist, der sie davon abhält, sich Hilfe zu suchen. Und deswegen bedanke ich mich bei jedem Mann, der offen auch über seine unschönen Gefühle spricht. Oder dass er überhaupt welche hat. Der zugibt, dass auch er sensibel ist. Der sich so akzeptiert, wie er ist. Der nicht länger das „Starke-Mann-Theater“ mitmacht. Und ich habe verstanden, dass es für Männer andere Angebote braucht um zu schaffen, dass sie sich mit sich selber beschäftigen. Deswegen bin ich großer Fan von Jeremy Forbes und seiner Baumarkt-Idee oder AndysManClub. So gern ich würde, aber an dieser Stelle ist mein Einfluss wohl beschränkt. Deswegen bin ich umso froher, dass es Männer gibt, die das übernehmen. So wie zum Beispiel Matt Haig, der inzwischen eine Art Symbolfigur geworden ist. Oder wie die beiden Beispiele oben. Oder eben unseren Marcel. Danke, dass du dich traust!

Phänomen Geschlechterparadoxon

Ich habe mir ganz, ganz lange Gedanken darüber gemacht, wie ich das Thema „männliche Depression“ angehen oder beschreiben soll. Das Thema scheint ja im Moment überlagert von dem Begriff der „toxischen Männlichkeit“. Dieser Begriff, ich versuche ihn bewusst zu vermeiden, soll uns ja sagen, dass Männer, die weder Gefühle zeigen noch Schwäche zulassen, irgendwann mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Ich möchte den Begriff zunächst einmal außen vor lassen und an dieser Stelle ein Phänomen benennen, das in der Psychologie Fragen aufwirft. Das Geschlechterparadox beim Suizid zeigt nämlich, dass auf zwei depressive Frauen „nur“ ein depressiver Mann kommt. Auf der anderen Seite nehmen sich aber dreimal mehr Männer das Leben.

Warum ist das so? Männer neigen wohl eher dazu, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Während bei einer Frau die Symptome einer Depression ziemlich schnell auf dem Tisch liegen, versucht ein Mann das Bild eines funktionierenden Individuums zu vermitteln. Der Mann passt kurz gesagt nicht so wirklich in das Diagnosebild „Depression“. Und fällt dann mehr oder weniger durch das Raster.

Das klingt ja schon wirklich wie eine vernünftige Erklärung. Psychische Probleme bei Männern werden weniger häufig diagnostiziert, weil die Symptome nicht zur Krankheit passen. Oder welcher Arzt würde bei Zahnschmerzen auf einem gebrochenen Zeh schließen? Ganz blödes Beispiel, ich weiß, aber es soll der Veranschaulichung dienen.

Nun bin ich ein Mann aber ich muss ehrlich sagen, mit den Problemen eines Mannes musste, durfte oder wie auch immer ich mich nie auseinandersetzen. Ich hatte nie Probleme damit, offen über meine Gefühle zu sprechen oder Schwäche zuzulassen. Die Diagnose Depression lag bei mir wie auf dem Silbertablett serviert vor den Füßen meines Therapeuten. Und dennoch liegt es mir am Herzen, über männliche Depression zu schreiben.

Warum? Nun ja, so ganz bin ich dann doch nicht ohne „typisch männliche“ Phänomene durch meine Depression gekommen. Und jetzt muss ich ihn dann doch benutzen, den Begriff der toxischen Männlichkeit.

Wie sieht er aus, der „Idealtyp Mann“?

Ich war nie Macho, nie der Aufreißer und dennoch hat mich der Begriff – oder sagen wir besser: das was er suggeriert – sehr lange in der Therapie begleitet. Ich wollte irgendwann nicht mehr dieser sensible, rücksichtsvolle Mann sein, zu dem die Menschen… Frauen kommen, um sich auszuheulen. Ich wollte extrovertiert, unsensibel sein, weil ich diese Gefühle satt hatte. Dieses ganze Gefühlsgedusel hat mich, so habe ich geglaubt, erst dorthin gebracht wo ich stand: Nämlich in einer dicken, fetten Depression. Meine Freundin hatte mich verlassen und ich war Schuld daran. Ich konnte ihr nicht das bieten, was sie brauchte, ich war schwach. Der Fehler lag ganz bei mir.

„Ein Mann ist stark und Emotionen kennt er nur aus dem Duden.“

Ich wollte schlicht und ergreifend einer dieser idealtypischen Männer sein, wie sie uns nur allzu oft vorgezeigt werden. Starke, selbstbewusste, ach sagen wir ruhig selbstverliebte Männer. An deren Schultern sich die Frau ausheulen kann. Ein Mann ist stark und Emotionen kennt er nur aus dem Duden.

Mich hat nicht das „Mann-Sein“ belastet, mich hat das „Nicht-Mann-Sein“ belastet. Genau wie sich Frauen an den Schönheitsidealen abarbeiten, die sie aus der Werbung und den Medien suggeriert bekommen, so gibt es genauso Männer, die sich am Idealtyp Mann abarbeiten. Das ist so logisch wie unlogisch. Logisch, weil es wohl jeder und jede nachvollziehen kann, unlogisch weil es doch, wenn wir ganz ehrlich sind, total Banane ist.

Banane, weil wir uns doch einfach so akzeptieren sollten wie wir sind. Nicht, weil wir resignieren sollten. Sondern ganz einfach, weil wir genau so perfekt sind wie wir sind. Vielleicht bin ich an dieser Stelle etwas weit weg von dem Thema dieses Blog-Artikels. Doch mir ist es wichtig zu sagen, dass wir nicht Idealtypen hinterherrennen sollten, die doch am Ende gar nicht so ideal sind. Der Idealtyp von uns lächelt uns jeden Morgen im Spiegel an und wartet eigentlich nur darauf, genauso akzeptiert zu werden.

Niemand ist perfekt – Leider geil!

Für diese Erkenntnis, die hier und jetzt in ein paar Zeilen abgearbeitet wird, habe ich aber sehr lange gebraucht. Eigentlich geht es ja nicht um mehr oder weniger als sich so zu akzeptieren wie Mann ist. Das Wortspiel konnte ich mir nicht verkneifen. Und wenn das am Ende vom Tag heißt, dass ich eben ein sensibler, introvertierter Mann bin, der vielleicht auch mal in den Arm genommen werden will, dann ist das halt so. Nein, es ist gut so. Oder wie ich zu sagen pflege: Niemand ist perfekt – leider geil.

Es mag sie geben, die Depression bei Männern und die Depression bei Frauen und es ist auchmehr als sinnvoll, dafür nicht die gleichen Maßstäbe anzusetzen. Weil die Symptome und auch der Krankheitsverlauf unterschiedlich sind. Doch am Ende bin ich kein Psychologe oder ähnliches, der hier wirklich ein fundiertes Statement abgeben könnte. Ich bin nur ein Schreiberling, der sich ohne Wehmut vom Idealtyp Mann verabschiedet hat und damit sehr glücklich ist.

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