Schuld abladen verboten!

Eine Trickkiste gegen unberechtigte Vorwürfe

Teil 2 der „Schuldgefühle“-Reihe von Helga Kernstock-Redl.

Was tun, wenn Sie beschuldigt werden, ohne Schuld zu sein? Wie können Sie ein Kind in diesem Fall unterstützen? Hier finden Sie Ideen, wie Sie Vorwürfe und Schuldzuweisungen abwehren können. Schlagfertig, elegant und ganz ohne „Rechtfertigung“.

„Warum rufst du nie an?“ Es sind die ersten Worte, die Herr Müller (Name natürlich geändert) von seiner Mutter am Telefon hört, und das seit Jahren.

Tief seufzend schaut der Kollege Sie an, sobald Sie den Raum betreten. Schlagartig ist das ungute Gefühl da: „Was habe ich jetzt schon wieder falsch gemacht?“ Kinder kann es mit Eltern so gehen, PatientInnen mit ÄrtztInnen — und umgekehrt.

Mein neues Buch „Schuldgefühle“ lädt ein, die innere Dynamik dieses Gefühls zu erforschen. Die Kernidee: Die allermeisten Schuldgefühle zeigen uns, dass wir ein verinnerlichtes Gesetz gebrochen haben. Der biologische Sinn dieses Gefühls ist es nämlich, uns zu motivieren, soziale Spielregeln und moralische Leitlinien zu befolgen. Wer das einmal durchschaut hat, kann selbst bestimmen lernen, wofür er sich in Zukunft schuldig fühlen will (Blogbeitrag 3).

Es gibt Menschen, die sind „lebendige Vorwürfe“. Warum tun sie das?

Oft ist das die erste Frage, denn sie entspricht der Neuropsychologie des menschlichen Gehirns, das ständig Ursachen sucht. Menschen haben vielerlei Gründe, Schuldgefühle zu verteilen: Manche wollen damit andere schuldig und klein halten, indem sie eine „Rückzahlungsverpflichtung“ oder den Druck, etwas „richtiger“ machen zu müssen, suggerieren. Einige merken gar nicht, was sie anrichten, sondern wiederholen nur giftige Redewendungen. Vielleicht tun es Mitmenschen im panischen Bemühen, selbst nur ja keine Schuld zu bekommen. Und wieder andere gehen anklagend durch die Welt, weil sie sich als Opfer und ungerecht behandelt fühlen — vielleicht zu Recht, doch die Angeklagten sind oft nicht die Schuldigen.

In jedem Fall können Sie sich erfolgreich zur Wehr setzen. Das geht leichter, als Sie jetzt vermutlich denken. Wichtig dabei: nur beim ersten Mal den „normalen“ Weg gehen und sachliche Argumente vorbringen. Falls die Beschuldigung nicht aufhört, verändern Sie unbedingt Ihre Strategie. „Aber ich habe dich vorige Woche angerufen“, widerspricht der Sohn und weiß inzwischen doch, es ist vergeblich. Denn in den meisten Fällen geht es den chronisch beschuldigenden Mitmenschen gar nicht um Begründungen und Fakten. Sie werden weggewischt: „Immer diese Rechtfertigungen. Alles nur Ausreden.“

Natürlich können Sie – besonders in wichtigen Beziehungen – selbstkritisch prüfen, ob Ihr Gegenüber mit einem konkreten Vorwurf im Recht ist (siehe Teil 1). Wenn ja, bitte sich richtig gut entschuldigen, Wiedergutmachung leisten, daraus lernen oder einen anderen von 12 Wegen wählen (siehe Teil 3).

Und noch ein Tipp, bevor wir die Trickkiste „Schuldabladen verboten“ öffnen: Falls Sie merken, dass Sie besonders anfällig dafür sind, Schuldgefühle zu entwickeln oder sich einreden zu lassen, suchen Sie ihr dazugehöriges, verinnerlichtes Gesetz. Vermutlich gibt es eines. Denn sonst würden Sie unberechtigte Vorwürfe zwar ärgern, doch schuldig fühlen würden Sie sich nicht. Herr Müller aus dem obengenannten Beispiel erkennt, dass seine Mutter an die innere Regel glaubt: „Mein Sohn muss immer für mich da sein.“ Doch das eigentlich Wesentliche ist: Ein Teil in ihm glaubt das auch! Daher kommen seine ständigen Schuldgefühle neben all dem Ärger. Glücklicherweise kann man die inneren Regeln verändern (siehe Teil 3).

„Ich bin genervt. Wie kann ich die Vorwürfe stoppen?“

Damit Sie schlagfertig und souverän reagieren können, bitte investieren Sie sieben Minuten:

  • Erinnern Sie sich an eine konkrete Situation, in der Sie in Zukunft gern anders reagieren wollen.
  • Lesen Sie sich die Trickkiste durch, fragen andere, was sie tun würden, überlegen selbst, holen sich Inspirationen in meinem Buch oder Blog (s.u.). Suchen Sie sich aus allen Ideen etwa fünf neue Verhaltensweisen aus, die zu dieser Situation passen könnten.
  • Spielen Sie‘s im Geiste durch und stellen Sie sich bildhaft vor, wie Sie Erfolg haben und Ihr Gegenüber aufhört mit den Vorwürfen. Das Gehirn lernt am besten, wenn Sie sich diesen inneren Film mehrmals ablaufen lassen.
  • Und nun stellen Sie sich die nächste Schwierigkeitsstufe vor: Sie reagieren wie oben. Doch nun hört der/die andere nicht mit den Vorwürfen auf und Sie sehen sich selbst, wie Sie auf einen anderen Weg von den fünf umschwenken, der nun zum Erfolg führt. Einige Varianten davon wieder mehrfach innerlich wiederholen.

Nun können Sie gut vorbereitet auf die nächste Begegnung warten. Ihr Gehirn wird Ihnen genau die Idee schicken, die zur Situation passt. Falls die erste Idee nicht funktioniert und Sie weiter beschuldigt werden, können Sie schlagfertig und elegant wieder und wieder auf eine andere der eingeübten Strategien wechseln. Besonders effektiv sind unorthodoxe, überraschende Reaktionen. Viel Spaß!

Die Trickkiste

Sachliche Fragen, Argumente,
Erklärungen, falls hinter dem Vorwurf tatsächlich ein Missverständnis oder der Wunsch nach einer Erklärung steckt
„Was genau meinst du jetzt mit diesem Satz/Seufzer?“
„Interessant eigentlich: Du vermittelst mir damit, ich wäre dazu verpflichtet. Was genau sind deine Argumente?“

„Ich finde, ich bin nicht schuld, weil …“„Ich habe das so gemacht, weil …“
Überraschend
od. paradox reagieren
Herr Müller: „Ok, mach ich.“ Er legt auf und ruft sofort zurück.
So lachen, als hätte der/die andere einen guten Witz gemacht.
Anstrahlen: „Ich hab dich auch lieb.“
„Ich freue mich auch, Sie zu sehen.“
Ganz klar ablehnen,
sich abgrenzen
„Tut mir echt leid, dass du das denkst. Ich denke das nicht. Ich merke, ein Gespräch macht so keinen Sinn. Also anderes Thema: …“
„Hör sofort auf! Das lass ich mir nicht umhängen.“
Einen Schritt zurückgehen, weg gehen, mehr Abstand herstellen, das Telefonat oder den Kontakt für 3 Minuten, 3 Tage oder 3 Monate beenden.
Benennen, was passiert „Interessant eigentlich: Ich rufe dich an und du sagst das. / Ich betrete den Raum und du tust das. Hmmm?“
„Was passiert da zwischen uns? Mir scheint, du willst mir ein Schuldgefühl machen. Was ist los?“
Humor „Na wui, die Pfeile fliegen heute aber tief.“
„Nein, nicht schon wieder. Biiiiiiiiiiiitte… hören Sie auf.“
Sich (nur!) für jenen Teil
entschuldigen, wo Sie es
ernst meinen.
„Es tut mir leid, dass du dich so ärgern musst. Das wollte ich nicht. Was jedoch deinen Vorwurf angeht, da muss ich dir leider wiedersprechen …“
und weiter zum Beispiel mit sachlicher Erklärung oder Humor
Und vieles mehr

Weitere Infos dazu auch im ersten und dritten Teil der Reihe (Teil 3 erscheint am 18.04.)– oder ausführlich im Buch „Schuldgefühle“, erschienen bei Goldegg und erhältlich über den Online-Shop des lokalen Buchhandels.

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