Schuldgefühle

Teil 1 der Reihe: Helga Kernstock-Redl hat ein Buch über Schuldgefühle geschrieben und es publiziert, noch bevor Corona unser aller Leben so sehr beeinflusst hat. Das Thema “Schuldgefühle” passt aber auch, oder vielleicht ganz besonders, in diese Krisenzeit. Habe ich die Kinder zu lange fernsehen lassen? Habe ich zuviel/zu wenig im Home Office gearbeitet? All diese Fragen können Schuldgefühle in uns auslösen. Wann Schuldgefühle unberechtigt sind (und wann berechtigt), wie wir sie loswerden und warum sie überhaupt da sind, erfahren Sie in dieser 3-teiligen Reihe.

Schuldgefühle: Warum sind sie da? Und wann sind wir wirklich Schuld?

Wie in den neuen Märchen und phantastischen Geschichten gibt es auch in unserer Gefühlswelt unscheinbare, wenig willkommene, sogar richtig nervige Figuren. Sie werden oft missachtet und unterschätzt. Dabei sind sie es, die für uns in der Not besonders wichtige Beiträge leisten, Ringe tragen, Wale als Freund gewinnen oder die entscheidenden Knöpfe drücken, damit wir das Abenteuer Leben gut überstehen. Das Schuldgefühl ist eines davon.

In meinem neuen Buch beschäftige ich mit der Psycho-Logik dieses faszinierenden Gefühls. In diesem Blog erhalten Sie erste Antworten auf folgende Fragen:

  • Wieso fühlen sich manche Kinder oder Erwachsene ständig und andere nie schuldig?
  • Hat das Gefühl auch gute Seiten?
  • Andere vermitteln Ihnen oder Sie glauben, Sie sind schuld. Wann stimmt das?

Eine Schuld entsteht, wenn wir ein juristisches, moralisches oder sozial anerkanntes Gesetz brechen, außer bestimmte Umstände (dazu mehr am Ende des Beitrags) halten uns schuldfrei: Ich muss die Straßenverkehrsordnung befolgen, einen Gruß erwidern oder geborgtes Geld zurückgeben.

Ein Schuldgefühl jedoch spüren wir nur dann, wenn wir ein Gesetz auch innerlich übernommen haben. Das ist ein enorm wichtiger Unterschied. Denn das erklärt, wieso manche schon starke Schuldgefühle bekommen, sobald sie „Nein, das will ich nicht.“ sagen. Andere wiederum lügen und betrügen – und fühlen sich dabei gar nicht schuldig, sondern vielleicht sogar toll. Es kommt eben nur auf den persönlichen Gesetzestext an.

Kinder glauben leider oft zu Unrecht, dass sie Ungutes verursacht oder nicht verhindert haben. In einer Entwicklungsphase, wo ihr Gehirn noch „magisch“ denken muss, dass alles, was auf der Welt passiert, mit ihnen zu tun hat, führt das zu ganz falschen Schuldgefühlen.

Innere Gesetze wirken oft wie unbewusste und somit ungeprüfte, tiefe Spurrillen, die blind befolgt werden.

Ich frage einen Vierjährigen nach seinem Papa. Er meint: „Der Papa ist gestorben, weil ich auf die Welt gekommen bin.“ Die Mutter erklärt tief betroffen, dass der Vater tatsächlich kurz vor der Geburt verstorben ist. Ihr Kind hat nun aufgrund seiner Kinderlogik aus der Gleichzeitigkeit: „Als du geboren worden bist…“, eine Schuld herausgehört: „Weil du geboren worden bist…“ Ich kann die Mutter beruhigen: Es war richtig, ihrem Sohn die Wahrheit zu erzählen. Kinder sind so gutherzig, sie bekommen leider oft Schuldgefühle, obwohl niemand sie ihnen eingeredet hat. Umso wichtiger, ihnen die falschen aktiv auszureden und immer wieder in Taten und Worten Fakten richtig zu stellen: „Traurige Dinge passieren manchmal leider gleichzeitig mit wunderbaren. Da bin ich nicht schuld und nicht der Papa und ganz, ganz sicher nicht du.“

Allerdings kann man Kindern, besonders liebevollen Menschen und jenen mit hohen Ansprüchen an sich selbst, tatsächlich recht leicht unsinnige Schuldgefühle einreden. In Gewaltbeziehungen passiert das durchaus mit Absicht. Doch auch unbedachte Vorwürfe und giftige Sätze treffen leider allzu gut. Kinder glauben zum Beispiel oft, Eltern streiten wegen ihnen. Erst Jahre später, wenn die noch genauso im Clinch liegen wie damals, erkennen sie: „Es hatte nichts mit mir zu tun.“ oder „Ich konnte doch nichts dafür, ein Kind zu sein.“

Innere Gesetze wirken oft wie unbewusste und somit ungeprüfte, tiefe Spurrillen, die blind befolgt werden: Mit der Kinderregel „Ich muss brav tun, was andere wollen“ kann man auch noch als Oma oder Opa durch die Welt laufen. Oder Eltern reagieren nach dem inneren Gesetz: „Wer sein Kind liebt, muss für sein Glück sorgen“ auch noch, wenn das Kind von damals jetzt über 40 ist.

Der erste Schritt, sobald Sie ein Schuldgefühl in sich spüren oder ein Kind Ihnen davon berichtet, ist es deshalb, genau zu erforschen: Welches verinnerlichte Gesetz wurde übertreten? Danach kann die weitere Überprüfung helfen, ob dieses heute noch gültig und richtig ist und ob auch die 6 anderen Kriterien für echte Schuld (s. Textende) zutreffen. Durch die bewusste Wahl der inneren Regeln können wir selbst bestimmen, wofür wir uns schuldig fühlen wollen.

Die gute Seite des unguten Gefühls

Wozu hat uns die Biologie Schuldgefühle beschert? Die Antwort ist so einfach wie (psycho-)logisch: Schuldgefühle sind ziemlich unangenehm, deshalb wollen wir sie instinktiv vermeiden. Auf diese Weise motivieren sie, sich „freiwillig“ an soziale Spielregeln und Moralvorstellungen zu halten: Wir sind freundlich, entschuldigen uns für Regelbrüche oder leisten danach Wiedergutmachung. Natürlich kann das alles auch aus Liebe, Fürsorge, Vernunft, vielleicht sogar aus Angst vor Strafe geschehen. Doch sehr oft steckt das Vermeiden von Schuldgefühlen dahinter. Es sind mächtige Kräfte, die Familien und Gruppen zusammenhalten oder Frieden wiederherstellen.

Ein Schuldgefühl macht uns energisch aufmerksam: Da gibt es offenbar eine Regel, die man nicht beachtet hat. Sie bieten daher Einzelnen, Paaren, Teams oder Familien eine tolle Chance, die vorher unbewussten „Gebote“ zu erkennen und zu diskutieren.

„Bin ich wirklich schuld?“

Ein unerbittliches Gesetz der Psyche besagt: Zu viel des Guten ist immer schlecht. Zu viele Schuldgefühle verursachen Hochstress und können Körper und Seele krank machen, erzwingen schädliche Beziehungen, machen Trauer kompliziert oder verursachen depressive Grübelschleifen.

Doch auch das Gegenteil, zu wenig des Guten, ist keinesfalls erstrebenswert. Das Fehlen von Schuldgefühlen würde vielleicht in die Gesetzeslosigkeit samt sozialer Ausgrenzung führen. Oder man steuert mitten hinein in ein tiefes Opfergefühl, das letztendlich in Ohnmacht oder Verbitterung enden kann: Wer nie schuld ist, wer nie etwas falsch macht, kann auch nichts anders und besser machen.

Der erste Schritt im Umgang damit ist die kritische Prüfung der Fakten. Ausgehend von der Schuld im Strafrecht  lassen sich auch für alltägliche, zwischenmenschliche Situationen 7 Kriterien für echte Schuld und somit gerechtfertigte Schuldgefühle ableiten:

  1. Gibt es Gesetz oder Recht, das gebrochen wurde? Ist es tatsächlich gültig? Und
  2. waren Sie zurechnungsfähig und
  3. kein Kind mehr (mit wenigen Ausnahmen) und
  4. hatten eine echte Wahlmöglichkeit?
  5. Oder gibt es eine unter diesen 4 Bedingungen eingegangene (Rück-)Zahlungsverpflichtung (Zeit, Geld, Zuwendung…)?
  6. Oder haben Sie unter ebendiesen Voraussetzungen die Verantwortung für eine andere Person?
  7. Gibt es Umstände, die eine Schuld reduzieren, wie zum Beispiel ein eigenes Recht?

Nur wenn all das zutrifft, haben Sie wirklich Schuld. Ein Schuldgefühl ist angebracht. Tun Sie aktiv etwas für Ihre „Ent-Schuldung“.

Wie kann man Schuldgefühle loswerden oder sich gegen Anschuldigungen elegant wehren?

Infos dazu in den 2 weiteren Teilen (Teil 2 erscheint am 16.04., Teil 3 am 18.04.) – oder ausführlich im Buch „Schuldgefühle“, erschienen bei Goldegg und erhältlich über den Online-Shop des lokalen Buchhandels.

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