Die Angst, als „verrückt“ abgestempelt zu werden.

Michaela Wambacher, stv. Obfrau des Verein Achterbahn Steiermark, im Gespräch. Der Verein Achterbahn ist eine Plattform für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung und unterstützt Betroffene mit Informationen und Möglichkeit zum Austausch durch Selbsthilfegruppen.

Woran merkt ein Mensch üblicherweise, dass er/sie professionelle Hilfe benötigt? Ist es der eigene Leidensdruck oder Druck von außen?

Michaela Wambacher: Das ist ganz unterschiedlich. Im Prinzip ist es natürlich der Leidensdruck und dass man nicht mehr weiter weiß. Am längsten dauert es erfahrungsgemäß, wenn jemand zum ersten Mal eine psychische Krise hat. Meist verleugnen Betroffene, die zum ersten Mal erkranken, ihre Erkrankung vor sich selbst oder warten einfach – in der Hoffnung, dass es von selbst wieder gut wird. Druck von außen, sich in professionelle Hände zu begeben, ist meist kontraproduktiv. Die Entscheidung dazu muss vom Betroffenen selbst kommen, sonst wird eine Behandlung, wie auch immer diese sich gestaltet, wenig helfen.

Woher kommt dieses lange Zuwarten?

Grund dafür ist sicher sehr oft die Angst, als „verrückt“ abgestempelt zu werden. Gerade Depressionen entwickeln sich meist über einen längeren Zeitraum, es gibt zu Beginn schlechtere und bessere Tage. Oftmals kommt die Befürchtung, krank zu sein erst, wenn die Symptome so ausgeprägt sind, dass man z.B. nicht mehr schlafen kann, keinen Antrieb mehr hat etwas zu tun und soweit beeinträchtigt ist, dass man nicht einmal mehr aus dem Bett, geschweige denn aus dem Haus kommt. Viele Betroffene leiden jahre- oder gar jahrzehntelang an Angstzuständen und Panikattacken bis sie sich in Behandlung begeben. Unbehandelt münden diese Störungen nicht selten in eine Sucht oder Depression, weil die selbst auferlegten gesellschaftlichen Einschränkungen immer mehr werden. Das liegt aus unserer Sicht nicht unwesentlich an der weit verbreiteten Stigmatisierung und Tabuisierung von psychischer Erkrankung und der mangelhaften Aufklärung in der Gesellschaft.

Gerade Depressionen entwickeln sich meist über einen längeren Zeitraum. Oftmals kommt die Befürchtung, krank zu sein erst, wenn die Symptome so ausgeprägt sind, dass man z.B. nicht mehr schlafen kann und soweit beeinträchtigt ist, dass man nicht einmal mehr aus dem Bett kommt. Viele Betroffene leiden jahre- oder gar jahrzehntelang an Angstzuständen und Panikattacken bis sie sich in Behandlung begeben.

Welche Möglichkeiten der Hilfe gibt es für Menschen mit psychischen Problemen?

In akuten Krisen kann man sich an die Telefonseelsorge oder an eine psychiatrische Ambulanz wenden, die rund um die Uhr erreichbar sind. Dort wird beraten und abgeklärt, was der Betroffene brauchen könnte und gegebenenfalls weitervermittelt. Manchmal ist ein stationärer Aufenthalt nötig.

Psychosoziale Zentren bieten zu bestimmten Zeiten telefonische Krisendienste an. Bei einer psychiatrischen Diagnose verfügen diese Einrichtungen über ein breites ambulantes und professionelles Angebot, leider muss man sich als Betroffener oder Betroffene mitunter gedulden, weil die Wartezeiten lang sind.

Vor allem auf dem Land ist die erste Anlaufstelle bei psychischen Problemen meist der Hausarzt oder die Hausärztin, der den oder die Betroffene an die entsprechenden Fachstellen überweisen kann.

Seit Jahren fordern wir Krisendienste, die täglich und rund um die Uhr telefonisch erreichbar sind, von Betroffenen und Angehörigen jederzeit aufgesucht werden können und auch Hausbesuche veranlassen. In einer akuten Krise könnte damit viel Leid vermindert und sogar Leben gerettet werden. Heutzutage ist es auch möglich, sich über das Internet zu informieren, welche Hilfe es gibt. Der Vorteil dabei ist, dass man das von zuhause aus machen kann und dafür nicht irgendwo hingehen muss, was in einer psychischen Krise eine Herausforderung sein kann. Selbsthilfe-Einrichtungen können professionelle Hilfe zwar nicht ersetzten, aber sinnvoll ergänzen. Der Verein Achterbahn bietet Betroffenen, die stabil sind, zum Beispiel Erstgespräche an. Sie dienen der Information über das Angebot des Vereins und der Vernetzung zu professionellen Institutionen.

Wer wendet sich an Sie als Verein Achterbahn?

Menschen mit verschiedenen psychischen Beeinträchtigungen, die sich mit Betroffenen über ihre Erkrankung oder Erfahrungen im weitesten Sinn austauschen möchten. Viele sind oder waren in professioneller Behandlung und möchten einfach die Freizeit mit anderen Betroffenen verbringen oder nach einem stationären Aufenthalt die Wartezeit auf eine Therapie überbrücken.

Der Verein Achterbahn kooperiert außerdem mit professionellen Einrichtungen und kann Betroffene meist entsprechend vernetzen. Es ist ja ein Problem, dass man in der Krise sehr oft nicht weiß, wohin man sich wenden soll bzw. kann. Dafür bieten wir Einzelgespräche an, kostenfrei und möglichst niederschwellig.

Warum ist es so ein wichtiges Thema, Betroffene dazu anzuhalten, ihrer Therapie oder Medikation „treu“ zu bleiben?

Weil eine Therapie, die auf den Betroffenen zugeschnitten ist und Wirkung zeigt, die beste Garantie dafür ist, langfristig zu genesen und ein erfülltes Leben zu führen.

Auf welchen Wegen pflegen Sie den Kontakt mit Betroffenen?

Die Betroffenen kommen von sich aus, auf Empfehlung und oder durch unsere Homepage und Online-Beratung zur Achterbahn. Der dauerhafte Kontakt wird hauptsächlich durch die Teilnahme an unseren Gruppen gepflegt. Einzelgespräche sind nach Vereinbarung immer möglich.

Angehörige, Freunde und Nachbarn können unterstützend wirken, indem sie dem Betroffenen signalisieren, dass sie für ihn da sind.

Was können Angehörige, Freunde und Nachbarn tun, um Menschen mit psychischen Problemen zu unterstützen? Was wünschen sich Betroffene von professioneller Seite und politischen Entscheidungsträgern?

Das wichtigste überhaupt ist, dass die Selbstbestimmung von Menschen mit psychischen Problemen gewahrt bleibt, egal wie schwer die Erkrankung ist. Jeder und jede Betroffene muss – außer bei Selbst- oder Fremdgefährdung – selbst entscheiden können, ob und wann er welche Hilfe und Behandlung in Anspruch nehmen möchte, das gilt auch bei einem stationären Aufenthalt. So steht es sinngemäß in der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die auch von Österreich unterzeichnet wurde. Leider sieht die Realität oft anders aus. Angehörige, Freunde und Nachbarn können unterstützend wirken, indem sie dem Betroffenen signalisieren, dass sie für ihn da sind, wenn er sie braucht und immer wieder nachfragen, wie es ihm geht, aber ohne Druck. Es spricht auch nichts dagegen, für Betroffene Informationen über Hilfsangebote einzuholen und sie darauf hinzuweisen. Was die- oder derjenige dann damit macht, bleibt ihm alleine überlassen. Für Angehörige ist es oft schwer, das auszuhalten. Für sie gibt es bei Selbsthilfeorganisationen wie HPE (www.hpe.at) Beratung und Unterstützung.

Last but not least müsste von politischer Seite mehr für die Entstigmatisierung und Enttabuisierung von psychischer Erkrankung getan werden. Wären psychische Erkrankungen von der Gesellschaft genauso akzeptiert wie der Großteil der somatischen, würden Betroffene vielleicht nicht so lange zögern, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Zur Person: Michaela Wambacher ist stv. Obfrau des „Verein Achterbahn Steiermark“, einer Plattform für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. www.achterbahn.st

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